Eine Analyse der Aufgabenstellungen
Die diesjährige ZP10-Prüfungen sind durch; die Arbeiten meiner Zehntklässler liegen auf meinem Schreibtisch, fein säuberlich sortiert und bewertet. Zeit für eine Analyse.
Erster Prüfungsteil (ohne Hilfsmittel)
Der erste Teil besteht aus 6 Aufgaben, für die es jeweils 3 Punkte gibt. Keine der Aufgaben thematisiert Unterrichtsinhalte der 10. Klasse, sämtliche gestellten Aufgaben sollten bis spätestens zum Ende der 8. Klasse bewältigbar sein, wobei zwei der Aufgaben bereits für Fünft- oder Sechstklässler machbar sind.
Bei einer Aufgabe soll u.a. eine Excel-Formel angegeben werden, was einerseits, wenn man die alten ZP10-Aufgaben studiert hatte, keine Überraschung darstellt, andererseits angesichts der typischerweise stiefmütterlichen Behandlung von Excel im Unterricht für manche ein Problem sein kann.
Meine Schüler haben den ersten Teil deutlich vor Ablauf der maximalen Bearbeitungszeit von 30, pardon, 40 Minuten abgegeben; manchen hätte eine weitere Kontrollrechnung gut getan. Aber sie konnten ja nicht wissen, was dann kommen sollte.
Zweiter Prüfungsteil (mit Hilfsmitteln)
Der zweite Teil besteht aus 3 Aufgaben, allesamt mit sogenannten „Anwendungskontext“, welcher wie gewohnt unterschiedlich gut gelungen ist, aber im Grunde nur ablenken soll. Jede Aufgabe unterteilt sich in etliche Teilaufgaben, so dass ausschließlich sehr kleinschrittige Problemstellungen vorhanden sind: Bei keinem einzigen Aufgabenteil gibt es mehr als 3 Punkte, häufig auch nur 2 oder eben nur einen einzigen Punkt.
Die geforderte Prüfungsleistung besteht folglich aus einer Vielzahl isolierter und ziemlich elementarer Rechenschritte, welche sich in der Regel darin erschöpfen, die passende Formel aus der Formelsammlung zu suchen, die angegebenen Größen einzusetzen und alles durch den GeoGebra-CAS zu scheuchen.
Den naheliegende Einwand, die Prüflinge zeigten damit, dass sie damit ihr Verständnis für die mathematischen Zusammenhänge demonstrieren, finde ich nicht wirklich überzeugend. Ein Beispiel dazu: Bei Aufgabe 1 geht es vordergründig um ein kugelförmiges Kunstwerk in einem Detmolder Kreisverkehr. Bei Teil d) heißt es, ich zitiere:
„d) Zum zwanzigjährigen Jubiläum des Kunstwerks wurde die Kugel gereinigt und neu lackiert. Berechne die Größe der zu lackierenden Oberfläche der Kugel.“
Offenkundig kann der erste Satz getrost ignoriert werden, der zweite Satz hingegen sagt sehr präzise, welche Formel der Prüfling der Formelsammlung entnehmen muss – er muss lediglich den Unterschied zwischen Durchmesser (der direkt über dem Aufgabenteil angegeben ist) und Radius kennen – was aber auch in der Formelsammlung steht…
Deutlich komplexer wird es nicht, dabei hätte man daraus eine feine Problemstellung machen. Hier ein Vorschlag:
Zum zwanzigjährigen Jubiläum des Kunstwerks wurde die Kugel gereinigt und neu lackiert. Der benötigte Lack wird in 1 Liter-Dosen zu einem Preis von 25€ verkauft und reicht laut Herstellerangeben für 10m². Berechne, wie hoch die Kosten für den Lack mindestens ausfallen.
So wäre es meines Erachtens eine brauchbare Aufgabe für Neuntklässler.
Themen, die für die 10. Klasse typisch sind, finden sich nur an zwei Stellen: Es darf ein Winkel in einem rechtwinkligen Dreieck berechnet werden, dessen Katheten angegeben sind (Lösungsweg: Formel für den Tangens nachschlagen, Werte einsetzen, alles durch GeoGebra scheuchen), außerdem hat eine Exponentialfunktion einen Gastauftritt, wenngleich deren charakteristischen Eigenschaften nur im Rahmen einer Begründungs-Aufgabe Gegenstand der Prüfung ist.
Tatsächlich gibt es auffällig viele Begründungs-Aufgaben, bei denen keinerlei Rechnungen verlangt werden, sondern Interpretationen mathematischer Sachverhalte verschriftlicht werden sollten. Die Hürde liegt hier eher in der Kenntnis des fachlichen Vokabulars und der Fähigkeit, die eigenen Gedanken präzise zu artikulieren. Ich finde, man kann darüber streiten, welchen Stellenwert solche Anforderungen in der Sekundarstufe 1 haben sollten.
Andererseits: Was will man sonst machen, wenn aufgrund der Hilfsmittel weder Wissen noch Rechenfertigkeiten abgefragt werden können, man aber zugleich davor zurückscheut, mathematische Probleme zu stellen, bei denen Kombinations- und Schlussfolgerungsfähigkeiten gefragt wären.
Fazit
Gewogen und für zu leicht befunden. In meiner Klasse gab fast ausschließlich sehr gute oder gute „Leistungen“, die Note Befriedigend war schon eine Ausnahme; Ausreichend oder schlechter kam gar nicht vor.* Auch wenn es sich bei dieser Klasse meines Erachtens um eine recht leistungsstarke Lerngruppe handelt, spiegelt dies nicht deren mathematisches Können wider, die sie bislang in meinen Klassenarbeiten unter Beweis stellen konnten – und vermutlich werden die Klausuren in der Oberstufe dann auch wieder entsprechend ausfallen.
Die Schüler indes können daraus eine einfache Schlussfolgerung ziehen: Wieso sich anstrengen, wenn es auch so gute Noten gibt?
* Es ist aber noch offen, was der Zweitkorrektor daraus machen wird. Ich bin gespannt.
